KURIER
So. Jetzt einmal ganz ehrlich (möglicherweise auch nur im Stillen zu sich selbst): Sind Sie auch der eine entgrenzte Gast bei Feieranlässen geworden? Der, der sich von der Gleichstellung diskriminiert fühlt? Geht Ihnen der Feminismus auch zu weit? Sind Sie der, der seine soziale Prägung neu programmiert hat? Der, der mit der Evolution in die Midlife-Crisis hinein zum chauvinistischen Onkel-Typen wurde – oder auf dem besten Weg ist, dieser zu werden? Ich gebe Ihnen ein Beispiel wie aus dem Lehrbuch, das leider aus dem Leben stammt: Keinen Finger rührend fragt er ungeduldig: "Wann ist das Essen endlich fertig?" Zuständig für Einkaufen, Vorbereiten oder gar Kochen für die 17-köpfige Runde fühlte er sich freilich nicht. Stattdessen wendet er sich einem Gespräch zwischen zwei Frauen zu, an dem er nicht beteiligt war: "Übrigens werden sich lockere Hosen bei Frauen nicht durchsetzen. Das ist ja eine Verschwendung, wenn man die schönen Körper versteckt". Angesprochen darauf, dass Frauenkörper nicht dazu da sind, das männliche Auge in engen Hosen zu erfreuen, wird sich über den überbordenden Feminismus und Männerhass beschwert, gar Extremismus gegenüber Männern wird moniert, während er sich weigert, angemessene Unterhaltszahlungen für seine Kinder zu zahlen. Das wird jetzt einigen wehtun. Nun, sicherlich nicht wirklich Schmerzen zufügen, aber doch eine gewisse zwickende Betroffenheit auslösen. Quasi ein unangenehmes Sich-Erkennen. Oder Sie sehen – wie ich – bei der Beschreibung einen Bekannten oder Verwandten vor Ihrem inneren Auge – oder gleich mehrere. Welcher Grad der Betroffenheit auch immer auf Sie zutrifft: Sie sind nicht alleine. Eine ungezählte Schar von Männern, die früher einmal vor Aufgeschlossenheit, Offenheit und jugendlicher Selbstsicherheit strotzten, ist in ihrer Entwicklung falsch abgebogen. (Es mag auch einigen Frauen so ergehen, persönlich beobachten konnte ich die Evolution aber nur bei Männern). Etliche haben sich zum klischeehaften Onkel-Typ entwickelt, der den gesellschaftlichen Anschluss verpasst zu haben scheint und der vor lauter orientierungslosem Zorn darüber zum wütenden alten weißen Mann mutiert. Auf Außenstehende erinnert diese Veränderung an die Entwicklung eines Pokémon. A b einer gewissen Kampferfahrung wird eine neue Evolutionsstufe erreicht. Nächstes Level: Entgrenzter Chauvi-Onkel. Seine Fähigkeit: Sexistische Witze aus Verlangen heraus, zu provozieren und zu entwerten. Tradierte Rollenbilder. Objektifizierung von Frauen. Schwäche: Gesellschaftlicher Wandel. Bittere Pille: Bedeutungsverlust Aber wie kommt's? Ich stelle es mir so vor: Durch die schleichende (und imaginierte) Erkenntnis, mit dem Älterwerden Macht und Einfluss zu verlieren, baut sich in ihnen so lange Druck auf, bis sie beginnen, zu vibrieren. Aus ihren Extremitäten schießen Lichtblitze, bis sie sich in einem finalen Akt donnernd in den chauvinistischen, wütenden Onkel-Typ am Familientisch verwandeln. Kabooom. Man könnte es wohl auch die Spontangeburt des alten weißen Mannes nennen. Ich räume ein, vielleicht funktioniert die Metamorphose auch ohne Klimbim über Nacht, wie in Kafkas "Verwandlung“ (Das bezweifle ich allerdings. Es fehlt der Showeffekt). Der alternde, neuerdings ausgesprochene Frauen- und Jugendfeind stellt zumindest eine Ausprägung des alten weißen Mannes dar. Ich konnte einige Exemplare beobachten, die nach ihrer scheinbar magischen Metamorphose plötzlich krampfhaft an ihren männlichen Privilegien und tradierten Rollenbildern festhielten. Andere fürchten plötzlich um ihren Wohlstand oder entwickeln eine Angst vor dem scheinbar Fremden. Von politischem Wahlverhalten und immer falsch zugeschriebenen Churchill-Zitaten soll hier gar nicht gesprochen werden. Eines sollte nur gesagt werden: Alt heißt nicht zwangsläufig konservativ, jung nicht liberal. Ihr imaginiertes Bedrohungsszenario ist klar. Die Angst, mit dem Älterwerden bedeutungslos zu werden, ist sogar nachvollziehbar – aber falsch. Warum? Der Jugend liegt – bei all ihren Limitationen – zwar eine unwillkürliche Macht inne. Nur durch ihr Jung-Sein, ihr Später-geboren-worden-Sein sind sie die, die nachdrängen, die noch gesellschaftlich stilgebend sein werden, während die Entthronten in eine gefühlte Bedeutungslosigkeit geglitten sind. Bisher sind die werdenden alten, weißen Männer in dem Glauben durch das Leben gewandelt, die Welt drehe sich um sie und schulde ihnen etwas. Und das stimmt im Patriarchat sogar. Denn da geht es um den Erhalt der männlichen Vormachtstellung, der männlichen Privilegien. Da der aktuelle gesellschaftliche Wandel sowie der Kampf gegen das Patriarchat diese Privilegien zu brechen versuchen, nehmen viele persönlich. Der Kampf gegen die Gleichberechtigung ist allerdings eine absolute Ressourcenverschwendung. Opt-out vom alten, weißen Mann Sie scheinen zu vergessen, dass die heute „alten weißen Männer“ immer noch die mächtigste und privilegierteste soziale Gruppe überhaupt ist. Anstatt aus Verbitterung und Angst gesellschaftlich destruktiv zu sein und auch noch auf jeder Feier als unangenehmer Gast aufzufallen, könnten sie ihre Privilegien positiv nutzen. Sie haben noch immer mehr Zukunftsgestaltungsmacht als die Gruppe, die sie fürchten. Mit einer Kollaboration der Kräfte könnte der gesellschaftliche Wandel zu mehr Gleichberechtigung beschleunigt werden, Ungleichheit in Unternehmen und Familien ausgemerzt und sozialer Zusammenhalt gesteigert werden. Es liegt in ihren Händen. Im Sinne des Energiesparens: Lasst uns doch zusammenarbeiten.
Go to News Site