KURIER
Seit fünf Jahren habe ich nicht mehr durchgeschlafen. Das liegt allerdings nicht an meinen Kindern, denn die waren schon immer gute Schläfer. Die Nächte, in denen sie micht öfter brauchten, kann ich an zwei Händen abzählen. Ich bin das Problem! Denn scheinbar ist mein Körper noch auf Steinzeit programmiert. Mein Nervensystem scheint der felsenfesten Überzeugung zu sein, dass jeden Augenblick ein Säbelzahntiger in unsere Höhle stürmen könnte, um meinen Nachwuchs zu fressen. Weswegen ich von jedem Geräusch aufwache. Nicht nur, wenn sich die Kinder im Nebenzimmer umdrehen. Fiept der schlafende Hund, weil er davon träumt, endlich eines dieser fies flinken Eichhörnchen zu erwischen, wache ich auf. Ordiniert mein Mann im Schlaf weiter, höre ich ihn murmeln: "Nicht sichtbares Blut im Urin." Sogar wenn ich, weit entfernt von meinen Kindern, in einem Hotel übernachte, schrecke ich auf, sobald der Zimmernachbar schnarcht oder Nachtschwärmer auf leisen Sohlen ihre Betten suchen. In Gesprächen mit anderen Frauen lernte ich zumindest, dass ich nicht die Einzige bin, die seit der Beförderung zur Mutter nicht mehr seelenruhig schlafen kann. Nacht für Nacht scheinen unzählige Mütter bereitzuliegen, um jedes Wildtier zu verjagen. Mit dem Körper lässt sich halt schwer verhandeln, er liebt seine alten Geschichten. Also bleiben wir wach. Nicht, weil uns jemand braucht – sondern weil wir uns angewöhnt haben, gebraucht zu werden. Und vielleicht ist das eine der anstrengendsten, aber auch schönsten Begleiterscheinungen der Mutterliebe: dass Mama sogar dann noch aufpasst, wenn längst alle schlafen. Allen Nachtwächterinnen: Lasst euch morgen hochleben. Oder legt euch zur Ruhe. Beides haben wir uns verdient.
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