KURIER
Von Vanessa Halla Ein leises Tuscheln, verstohlene Blicke und ein paar unbeholfene Schmähs, auf die nervöses Kichern folgt – viele von uns erinnern sich an dieses Gefühl vor dem Biologieunterricht, wenn Sexualkunde am Unterrichtsplan stand. Wenn Michaela Fassl einen Raum betritt, weiß sie: Das Thema ist da, auch wenn es noch keiner ausspricht. „Das Kichern ist ein gutes Zeichen“, sagt die 39-Jährige und lacht. „Das zeigt, dass Interesse da ist.“ Michaela Fassl, aufgewachsen im Bezirk Oberwart , arbeitet als Sexualpädagogin. Ihr Zugang zur vermeintlich natürlichsten Sache der Welt ist direkt, aber unaufgeregt. „Die wichtigste Regel ist: Es gibt keine blöden Fragen und keine blöden Wörter“, bringt sie es auf den Punkt. Was banal klingt, ist für viele ein Befreiungsschlag. Denn über Sexualität wird immer noch selten offen gesprochen – schon gar nicht in Gruppen. „. . . wie vor 50 Jahren“ Ein Workshop mit der Sexualpädagogin beginnt meist spielerisch: mit einem Quiz, einem Brainstorming. „Was fällt euch zu Sex ein?“ Die Antworten reichen von Körperteilen über Gefühle bis hin zu (Halb-)Wissen. Danach folgt der anonyme Frageteil . „Wir beantworten jede Frage“, sagt die Fachfrau. „Und die sind oft erstaunlich ähnlich wie vor 50 Jahren.“ Klassiker wie „Tut das erste Mal weh?“ tauchen immer noch auf. Ihre Antwort ist klar: „Nein, es ist nicht normal, dass Sex wehtut.“ Kein Bursch hat je gefragt, ob Sex wehtut. Das zeigt, wo wir 2026 immer noch stehen. Michaela Fassl / Sexualpädagogin Fakt ist auch, so die Sexualpädagogin, „dass diese Frage stets von Mädchen kommt. Kein Bursche hat mich je gefragt, ob Sex wehtut. Auch das zeigt, wo wir im Jahr 2026 immer noch stehen.“ Tabus und Pornos Fassl hat Bildungswissenschaften und Gender Studies studiert, später Sexualpädagogik und Sexualberatung in Wien. 13 Jahre lang arbeitete sie im Verein „Frauen für Frauen“ im Burgenland. Heute ist sie unter anderem in Schulen , in der Erwachsenenbildung und in einer Reha-Einrichtung tätig. Ihr Zugang: hinschauen, wo andere wegschauen. „Ich war schon immer an Themen interessiert, die keiner angreifen will“, sagt sie. Denn obwohl Sexualität oft als „das Normalste der Welt“ bezeichnet wird, ist sie in Wahrheit voller Unsicherheiten. „Die Menschen fragen sich ständig: Bin ich normal? Bin ich gut genug?“ Gerade durch soziale Medien habe sich der Druck verstärkt . „Du kannst heute alles googeln – natürlich auch Sex. Aber die Bilder, die du bekommst, erzeugen Erwartungen. Pornos zeigen nicht, wie Sexualität wirklich ist und Fragen, die sich daraus ergeben, sind oft schwer zu besprechen.“ Sex? Oh man(n)! Ein Mythos hält sich besonders hartnäckig: die sogenannte Frühsexualisierung . „Viele glauben, wenn man mit Kindern früh über Sex spricht, haben sie früher Sex“, sagt Fassl. „Das stimmt einfach nicht.“ Ihr Grundsatz: „Wenn ein Kind alt genug ist, eine Frage zu stellen, ist es alt genug für eine ehrliche Antwort.“ Auch Begriffe sind Teil des Problems. „Viele Körperwörter wie Vulva sind immer noch Tabu und werden oft nicht korrekt benannt“, sagt sie. Kinder – besonders Mädchen – wissen daher oftmals nicht ausreichend über ihre eigenen Genitalien Bescheid. „Umso wichtiger ist es, dass sie einen sicheren Raum haben, in dem diese Themen besprochen werden können.“ Wenn es wehtut, soll man das ausdrücken. Aber viele trauen sich das nicht. Michaela Fassl / Sexualpädagogin In Fassls Arbeit geht es längst nicht nur um Aufklärung im klassischen Sinn. Es geht um Lust, Beziehungen, Grenzen. „Sexualität ist viel mehr als Fortpflanzung und Verhütung“, sagt sie. „Es geht auch um das, was sich gut anfühlt .“ Ein zentrales Thema ist die Selbstbestimmung . „Viele haben gelernt, sich daran zu orientieren, was von außen erwartet wird“, erklärt Fassl. „Durch meine Arbeit versuche ich, den Fokus wieder nach innen zu lenken: Was fühlt sich für mich richtig an?“ Das zu erkennen und auch auszusprechen, sei für viele ein Lernprozess. Blick ist männlich geprägt Besonders deutlich zeigt sich das bei jungen Frauen . „Wenn es wehtut, soll man das ausdrücken“, betont sie. „Aber viele trauen sich das nicht.“ Auch hier räumt sie mit Mythen auf – etwa dem Jungfernhäutchen oder der Vorstellung, dass Frauen „einfach schwieriger“ zum Orgasmus kommen. „Wir haben immer noch einen sehr männlich geprägten Blick auf Sexualität.“ Der sogenannte Orgasm-Gap bezeichnet die wissenschaftlich belegte Diskrepanz, dass Frauen bei heterosexuellem Geschlechtsverkehr seltener zum Orgasmus kommen als Männer. Bei lesbischen Konstellationen kommen Frauen jedoch sehr wohl meist zum Orgasmus. „An der Anatomie kann es also nicht liegen“, so Michaela Fassl. Ihr Ziel ist klar: „Selbstbestimmte Sexualität ist ein Menschenrecht.“ Das bedeutet auch, dass niemand über eigene Grenzen gehen muss – und dass Lust im Zentrum stehen darf. „Die meisten Menschen haben Sex, weil es ihnen Freude macht. Und genau darum sollte es auch gehen.“ Dass ihre Arbeit manchmal irritiert, kennt die Oberwarterin. „Wenn ich erzähle, was ich mache, entstehen sofort Bilder im Kopf“, sagt sie. Oft werde gewitzelt, manchmal bleibe es beim Schmäh. Und mit einem Augenzwinkern fügt sie an: „Aber sobald man ins Gespräch kommt, merkt man: Das Thema berührt uns alle. Irgendwie auch logisch, oder?“
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