KURIER
Schauspielen als Extremsport. Wenn man Alma Hasun heißt, sieht das folgendermaßen aus. Erst um 15 Uhr in den Wiener Kammerspielen im Stück „Sophia oder Das Ende der Humanisten“ brillieren. Zweieinhalb Stunden lang – viel Text, hohes Tempo. Dann in ein Taxi springen, auf der Rückbank gleich umziehen und abschminken, zum Otto-Wagner-Areal auf den Steinhofgründen in Wien-Penzing düsen, und dort beim Stationentheater in der Premiere von „Ganymed Areal“ glänzen – ein fordernder Monolog, drei Stunden lang. Das erfordert Kondition und die Kraft der Konzentration. Und noch mehr: die Hingabe ans Spiel. Der intensive Einsatz zahlt sich aus. Für beide Auftritte hat Alma Hasun blendende Kritiken bekommen. Zum einen in den Kammerspielen als Tochter, die ihren Vater zum 60er besucht, die Eltern neu verkuppeln will und dann entsetzt feststellen muss, dass das neue Herzipinki des Herrn Papa eine humanoide Roboterfrau ist: verliebt in die Künstliche Intelligenz, Humor mit Moral. Zum anderen beim Stationstheater in Steinhof, dort wo ehemals im Spital die Psychiatrie saß, und wo jetzt die Zuschauer von Pavillon zu Pavillon spazieren, um die verschiedenen Auftragswerke anzuschauen – Hasun als Pianistin, die nicht mehr imstande ist zu spielen. Ein Auftritt voller Poesie. Bis in den Oktober hinein sind die Vorstellungen ausverkauft. Sehnsucht nach Erfüllung Auch das erste Buch, das Hasun für uns aus ihrem Regal zieht, hat Bezug zum Theater. Anton Čechov ist ein Meister der leisen Dramen, in denen Hasun (zuletzt in „Onkel Wanja“ in der Josefstadt) schon öfter spielte. Von den frühen Erzählungen in „Er und sie“ ist ihr besonders „Der dumme Franzose“ in Erinnerung geblieben: Ein Franzose, der einen Russen beim Essen beobachtet, kaum mehr braucht es für Čechovs Zuspitzungen über kulturelle Normen – „so simpel wie satirisch brillant.“ Die Liebe zum Lesen hat sie von ihrem Vater. Schon als Teenager legte der ihr Hemingway, Hesse und Max Frisch ans Herz. „Dadurch ist auch die Liebe zum Schauspielen gewachsen“, so Hasun, die es liebte, „sich in Geschichten und Figur hineinzudenken.“ Auch heute noch, und in neue Literatur, etwa „Mon Chéri und unsere demolierten Seelen“ von Verena Roßbacher . Die Story um eine 30-Jährige und ihr chaotisches Leben, ihre Sehnsucht nach Erfüllung und die Freundschaft zu einem älteren Mann, hat Hasun gefesselt. „Die Heldin ist nicht nur ausschließlich sympathisch – solche Rollen wünscht man sich.“ Auch Hasun will nicht bloß die nette Frau von nebenan sein – zumindest auf der Bühne. Nur zu gern würde sie in einer dramatisierten Version spielen. Berührt hat die Schauspielerin auch „Versuche, dein Leben zu machen“ von Margot Friedländer , über eine junge Frau auf der Flucht vor der Gestapo und ihre Deportation ins KZ. Friedländer hat den Nazi-Terror knapp überlebt; ihre Familie wurde in Auschwitz ermordet. Den Roman gelesen hat Hasun zur Vorbereitung auf den Dreh des NS-Dramas „Die Vorkosterinnen“ , über Frauen, die Hitlers Essen abschmecken mussten. Ein Riesenerfolg in Italien, bei uns auf Netflix zu sehen. „Ein Buch, das schmerzt“, so Alma Hasun, „und eine Frau, die ich bewundere, weil sie sich trotz aller Tragik Hoffnung und Humor bewahrt hatte.“ Die Bücher im Überblick: Anton Čechov: „Er und sie. Frühe Erzählungen 1880-1885“ – Geschichten vom Meister der leisen Dramen Verena Roßbacher: „Mon Chéri und unsere demolierten Seelen“ – ausgezeichnet mit dem Österreichischen Buchpreis Margot Friedlander und Malin Schwerdtfeger: „Versuche, dein Leben zu machen“: Als Jüdin versteckt in Berlin
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