KURIER
Peter Vorhofer ist Österreichs erster „Nationaler Sicherheitsberater“. Im KURIER erklärt er, was die Krise im Nahen Osten für die Versorgung mit Treibstoff, Gas und Strom bedeutet, und warum er glaubt, dass die Abkehr von fossilen Energieträgern nun deutlich schneller passieren wird: KURIER: Herr Vorhofer, Sie haben kürzlich erklärt, Österreich hat keine Versorgungskrise. Kurz darauf warnte die internationale Energieagentur, Europa drohe in wenigen Wochen das Kerosin auszugehen. Wie passt das zusammen? Peter Vorhofer: Es stimmt beides. In Europa gibt es Regionen, in denen die Raffinerien ihre Produktion reduzieren oder ganz einstellen mussten. Für Österreich und insbesondere den Produktionsstandort Schwechat gilt das aber nicht. Für die Dauer der nächsten sechs Monate haben wir gesamtstaatlich kein Versorgungsproblem. Es wurde vorgesorgt , die Lager sind voll. Bleibt die Straße von Hormus länger als ein halbes Jahr geschlossen, kann sich das ändern, weil Lieferketten und Zulieferer betroffen sind. Wie stark, das ist aktuell nicht absehbar, denn man muss auch sagen: Die Weltwirtschaft reagiert bereits auf die Veränderungen. Die großen Konzerne arbeiten an Kompensationen und suchen sich andere Wege und Quellen für Rohöl. Es wird also alles nicht so schlimm? Grundsätzlich gehen wir in unseren Analysen immer vom Worst Case aus, um bestmöglich auf Ernstfälle vorbereitet zu sein . Was nicht unterschätzt werden darf, ist die Tatsache, dass sich die Weltwirtschaft strukturell gerade umgliedert und völlig neu orientiert. Um auf Österreich zurückzukommen: Wir beziehen unser Rohöl aus Kasachstan, das über das Schwarze Meer und das Mittelmeer in Triest ankommt. Wir sind daher durch die Situation im Nahen und Mittleren Osten im Bereich der Versorgungssicherheit weniger betroffen als andere Staaten. Risiken gibt es aber natürlich immer. … wie etwa, dass die Stromversorgung für die entsprechende Pipeline gekappt wird. Wir haben auch das im Auge und müssen uns als Gesellschaft bewusst sein, dass wir nicht alles, was eine Krise auslöst, zu 100 Prozent kompensieren können. Die Erdöl-Krise betrifft ja nicht nur Österreichs Unternehmen direkt, sondern auch Partner im Ausland, die möglicherweise Schwierigkeiten mit der Versorgung haben. Klar ist: Um eine Krise zu bewältigen, müssen immer alle mithelfen. Stichwort „alle müssen mithelfen“: Seit mehreren Wochen leiten Sie das von der Regierung eingesetzte „Koordinationsgremium“, bei dem Ministerien, Länder, Städte- und Gemeindebund an einem Tisch sitzen. Was bringt das? Man merkt, dass wir hier sehr viel weiter sind als vor einigen Jahren. Alle sind von Anfang an mit an Bord und auch wenn der Begriff Koordinationsgremium etwas technisch klingt, bedeutet das in der Praxis Folgendes: Die staatlichen Institutionen treffen Vorsichtsmaßnahmen, tauschen sich wöchentlich aus und agieren im Krisenmodus - ohne dass eine echte Krise eingetreten wäre. Wir agieren im Krisenmodus - aber ohne Krise. Wozu das Ganze? Weil wir damit schneller auf mögliche neue Entwicklungen der Lage reagieren können . Im Unterschied zur Pandemie, wo es 21 verschiedene Lagebilder von Ministerien, Ländern etc. gegeben hat, gibt es jetzt ein einziges Lagebild, wo alle wichtigen Informationen zusammenlaufen . Alle Prozesse sind so aufgesetzt, als wäre die Krise ausgebrochen. Das ist wie beim Boxen: Es macht einen großen Unterschied, ob man die Deckung hoch nimmt und wartet, ob und welcher Schlag kommt, oder ob man auf die Deckung verzichtet und sich nach dem Schlag überlegt, was man tun will. In der Pandemie haperte es unter anderem daran, dass Daten vorhanden waren, aber zu wenig genutzt wurden. Haben Sie alles, was Sie für eine vollständige Lagebeurteilung benötigen? Wir wissen sehr viel und haben entsprechende Lenkungsgesetze. Bei Lebensmitteln kann der Staat beispielsweise viel steuern. Auch bei Strom und Gas wissen wir ziemlich genau, wie sich die Lage darstellt. Beim eingelagerten Treibstoff tun wir uns noch etwas schwerer. Hier wäre es gut, wenn sich die Möglichkeiten des Monitorings von der Qualität und vom Intervall an das Monitoring bei Erdgas oder Elektrizität annähern. Angesichts der gegenwärtigen Krise und der Treibstoffpreise ist man geneigt zu sagen: Wir müssen unabhängiger von fossilen Brennstoffen werden, oder? Ich glaube, es wird tatsächlich ein Effekt dieser Krise sein, dass neuer Schwung entsteht, sich von fossilen Rohstoffen weiter zu verabschieden und alternative Energien auszubauen . Bei der Elektrizität sind wir schon weit. Jetzt geht es darum, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu reduzieren. Das ist nicht nur für den Dauerbetrieb wichtig, es kosten ja auch die Lager viel Geld. Sie haben vorher gesagt, dass jeder einen Beitrag zur Krisenbewältigung leisten muss. Ist gute Krisenvorbereitung durch den Staat da nicht ein Dilemma? Je besser der Staat vorsorgt, desto geringer sind die Anreize für den Einzelnen, sich selbstverantwortlich vorzubereiten. Der positive Effekt einer professionellen staatlichen Vorsorge ist, dass die Menschen Vertrauen in staatliche Institutionen haben. Das ist nicht selbstverständlich und daher wichtig. Generell will ich aber festhalten, dass wir bei der Vorsorge gut sind. Wann immer ich in Städten, Gemeinden oder Betrieben bin, staune ich, wie viel Eigeninitiative zu beobachten ist. Gemeinden schulen ihre Mitarbeiter für den Krisenfall, Kommunen kaufen selbstständig Generatoren für Ausfälle an etc. Durch die vielen freiwilligen Vereine und Blaulichtorganisationen sind wir besser gerüstet als andere Länder. Da müssen wir uns nicht verstecken.
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