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Unsichtbare Pflege: Was Angehörige bei der Betreuung wirklich leisten | Collector
Unsichtbare Pflege: Was Angehörige bei der Betreuung wirklich leisten
KURIER

Unsichtbare Pflege: Was Angehörige bei der Betreuung wirklich leisten

Frau Mairhofer sitzt im Rollstuhl am Küchentisch, wie jeden Tag. Ihre Hände zittern leicht, der Kopf ist nach vorne gebeugt. Sie lächelt: „Ohne meine Familie könnt ich heute nicht zu Hause sein.“ Dabei war sie ihr gesamtes Leben zu Hause, sorgte für die Kinder und hielt den Haushalt am Laufen. „Jetzt muss er sich um mich kümmern“, sagt sie und nickt zu ihrem Mann. Vor drei Jahren erhielt die 77-Jährige die Diagnose Parkinson. Nach einem Aufenthalt im Landesklinikum Mauer wurde klar: Allein würde sie den Alltag nicht mehr bewältigen können. Seither organisiert die Familie den Tagesablauf von Frau Mairhofer. Ihr Mann weckt sie in der Früh auf und macht Frühstück. Meistens ein Butterbrot mit Marmelade. „Ich bin eben eine Süße“, grinst sie. Viele zu Hause gepflegt Viele Handgriffe, die früher selbstverständlich waren, schafft sie heute nicht mehr allein. Unter der Woche kommt deshalb eine mobile Pflegekraft vorbei. Viktoria Marksteiner vom Hilfswerk NÖ unterstützt Frau Mairhofer bei der Körperpflege, kontrolliert die Medikamente und macht Gehübungen. „Heute hast mich gelobt“, sagt Frau Mairhofer mit einem Lächeln. Trotzdem liegt über dem Gespräch eine stille Gewissheit: Die Krankheit wird bleiben. Schon jetzt ist die Pflege ein Kraftakt für ihre Angehörigen: körperlich, organisatorisch und finanziell. Sie sind nicht die Einzigen. Zwei Drittel von Angehörigen gepflegt In Österreich beziehen rund 500.000 Menschen Pflegegeld, ein Fünftel davon in Niederösterreich. Fast zwei Drittel von ihnen werden von Angehörigen gepflegt. Birgit Meinhard-Schiebel ist mit den Herausforderungen, die sie durch ihren Alltag begleiten, gut vertraut. Seit 2005 engagiert sich die Schauspielerin für die Anliegen in Pflege, Betreuung und Altenpolitik und ist seit 2010 Präsidentin der Interessensgemeinschaft pflegender Angehöriger und vertritt die Anliegen der Betroffenen – unter anderem gegenüber der Politik. „Sie bekommen, teilweise auch politisch, Aufmerksamkeit. Nicht unbedingt Anerkennung“, sagt Meinhard-Schiebel zur Sichtbarkeit pflegender Angehöriger. Aktuell sieht die ausgebildete Sozialmanagerin eine Herausforderung in der drohenden Entprofessionalisierung. „Wir haben den Eindruck, dass sich der Pflegemarkt in eine falsche Richtung entwickelt“, so Meinhard-Schiebel. Die Grenze zwischen Pflege und Betreuung würde zunehmend verschwimmen. Angehörige kämen vermehrt in die Situation, von Personen angeleitet zu werden und nicht abschätzen zu können, ob es sich dabei wirklich um Expertenmeinungen handelt. Als einen Auslöser dafür nennt Meinhard-Schiebel den Anstieg der Kurzausbildungen in der Pflegebranche. Alleinerzieherinnen betroffen Eine weitere Gruppe, die Meinhard-Schiebel bereits seit Jahren in ihrer Arbeit beschäftigt, ist die der Alleinerzieherinnen – es handelt sich vorwiegend um Frauen – von erwachsenen Kindern mit schweren chronischen Erkrankungen oder Behinderungen . Besonders schwierig werde es, wenn sich die betreuten Kinder nicht in der Pflegestufe drei befinden und die Angehörigen dem Arbeitsmarkt daher wöchentlich für 16 Stunden zur Verfügung stehen müssen. „Das ist etwas, was sie nicht leisten können.“ Häufig sei bei schweren oder mehrfachen Erkrankungen kaum vorhersehbar, wie es den Betroffenen an dem jeweiligen Tag gehen wird. Unter diesen Umständen einer Arbeit nachzugehen, übe starken Druck aus. Denn wenn die Auflage nicht erfüllt wird, können Probleme mit der Notstandshilfe und mit der Mindestsicherung folgen. Betroffene Pflegende wären dann nicht selten auf Sozialhilfe angewiesen. Unterstützung ab Pflegestufe drei Allgemein können viele Unterstützungsangebote erst ab Pflegestufe drei in Anspruch genommen werden, so Meinhard-Schiebel. Um diese zu erreichen, braucht es eine Pflegebegutachtung von Mitarbeitenden der Pensionsversicherung (PVA) . Hier hätten sich im Laufe der letzten Jahre massive Konflikte gebildet: „Man kann nicht immer damit rechnen, dass die Gutachterin oder der Gutachter für diese speziellen Situationen die passende Ausbildung hat.“ Nicht selten würden sich Betroffene an die Interessensgemeinschaft wenden, weil die zugestandene Unterstützung nicht dem tatsächlichen Bedarf entspricht. Auf Anfrage schreibt die PVA, dass „die Angemessenheit des Pflegegeldes eine politische Frage ist und dem Gesetzgeber obliegt.“ Bei einer Veränderung solle eine neuerliche Begutachtung beantragt werden. Doch genau davor haben viele Betroffene Angst, oft werde man nämlich eher ab- als aufgestuft. Derzeit befindet sich Frau Mairhofer in der Pflegestufe drei. Sie erhält Pflegegeld, doch die Unterstützung decke nur einen Teil der tatsächlichen Kosten ab, sagt ihr Mann. Doch sie seien froh, sich die mobile Pflege leisten zu können. Wie lange Frau Mairhofer zu Hause bleiben kann, weiß niemand. Doch die Pflegerin und die Familie geben jeden Tag ihr Bestes, um ihr genau das zu ermöglichen.

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