KURIER
36 Monate nach der ersten Verschreibung eines Statins nehmen in Deutschland nur noch 21 Prozent der Patientinnen und Patienten das Medikament. Aus Angst vor Nebenwirkungen brechen viele die Statintherapie ab. Dabei zeigte kürzlich eine Studie: Etliche mögliche Nebenwirkungen von Statinen, die auf Beipackzetteln angeführt sind, können nicht belegt werden. „Das schlechte Image der Statine hat seine Ursache in der Vergangenheit: Da gab es teilweise eine Übertherapie, dass auch Leute mit niedrigem Risiko behandelt wurden und das mit einer zu hohen Dosis“, sagt die Stoffwechselspezialistin Priv.-Doz. Dr. Yvonne Winhofer-Stöckl . „Dadurch gab es mehr Nebenwirkungen. Aber davon sind wir längst weg. Die wissenschaftliche Datenlage ist eindeutig: Je niedriger das LDL-Cholesterin , desto weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle treten auf“, betont die Fachärztin für Innere Medizin, Endokrinologie und Stoffwechsel am Stoffwechsel- und Studienzentrum Emc2 in Mattersburg im Burgenland. Statine: "Keine schweren Nebenwirkungen" „Falls Nebenwirkungen auftreten, dann vor allem im ersten Jahr und nur bei hoher Dosierung. In der Primärprävention – also zur Verhinderung einer Erkrankung – starten wir heute mit sehr niedrigen Dosen und erhöhen nur langsam, bis wir den Zielwert erreicht haben. In der Sekundärprävention – also nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall – kann man durch die Kombination von zwei Substanzen die Dosierung des Statins ebenfalls häufig niedriger halten.“ In der Praxis relevant seien praktisch nur Muskelschmerzen , bei manchen Patienten auch noch (umkehrbare) Erhöhungen der Leberwerte und des Blutzuckers. „Das kann man alles in den Griff bekommen – etwa durch Wechsel des Statins. Schwere Nebenwirkungen – wie einen Zerfall von Muskelzellen – habe ich noch nie gesehen.“ Die wissenschaftliche Datenlage ist eindeutig: Je niedriger das LDL-Cholesterin, desto weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle treten auf. Stoffwechselspezialistin Yvonne Winhofer-Stöckl Wenn 1.000 Menschen ein Jahr lang ein Statin nehmen – im Vergleich zu einer Gruppe ohne Statine – , bekommen elf von ihnen zusätzlich Muskelschmerzen, sagt Winhofer-Stöckl. Allerdings: „Bei nur einem von jeweils 15 kommen diese Schmerzen tatsächlich von dem Medikament – bei den anderen liegt die Ursache bei negativen Erwartungen (Nocebo-Effekt) oder Verspannungen und falschem Training. Vielen meiner Patienten mit Muskelschmerzen habe ich fünf Einheiten Physiotherapie verordnet – zwei Drittel zirka waren danach schmerzfrei. Es lag also tatsächlich nicht am Statin.“ Ab wann man von erhöhten Werten beim LDL-Cholesterin spricht Je nach Risiko gelten unterschiedliche LDL-Zielwerte: Für gesunde Menschen mit niedrigem Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen liegt der LDL-Zielwert bei unter 116 mg/dl . Bei moderatem Risiko (z. B. junger Patient mit Typ-2-Diabetes) bei unter 100 mg/dl . Bei Menschen, die durch mehrere Risikofaktoren ein hohes Risiko haben (z. B. genetisch bedingt erhöhtes Cholesterin, Bluthochdruck, Diabetes seit mehr als zehn Jahren, Störung der Nierenfunktion), liegt der LDL-Zielwert unter 70 mg/dl . In den vergangenen Jahren erschienen Studien mit hochauflösenden optischen Verfahren, die das Innere von Blutgefäßen darstellen. Dabei zeigte sich: 70 mg/dl und darunter sind die Werte, bei denen Plaques nicht mehr größer werden und auch stabil bleiben. Sie bekommen eine Kappe aus Bindegewebe, die das Risiko eines Aufplatzens stark reduziert. Bei Werten über 70 mg/dl wachsen die Plaques weiter, und bei Werten darunter werden sie teilweise sogar kleiner . Deshalb liegt das LDL-Ziel für Hochrisikopatienten mit Erkrankungen der Herz- und Gehirngefäße unter 55 mg/dl . „Da reichen 90 oder 80 mg/dl einfach nicht.““ Was ist mit Ernährungsumstellung erreichbar? „Als Risikopatient zu wenig. Denn die Höhe des LDL-Cholesterins hat kaum etwas mit der Aufnahme über die Nahrung zu tun, es ist ein reines Abbauproblem der LDL-Partikel in der Leber. Deshalb kann man auch mit einer rein veganen Ernährung das LDL-Cholesterin nur um circa zehn Prozent senken.“
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