KURIER
Von Stephan Brünjes Australien – ein Traum-Ziel, aber mit Ziel-Trauma: die Anreise. Oft achtundzwanzig Stunden Flug in Economy-Enge, mit Dauerwurst-Waden in Anti-Thrombose-Strümpfen. Die schnellste Verbindung – nur gut neunzehn Stunden – führt nach Perth. Der Landeanflug ist eine Dia-Show im Bullaugen-Fenster: Türkiser Ozean mit kilometerlangem, beigem Strand. Der Swan River windet sich als XXL-Schlange durch Perth, flankiert von sattgrünen Parks. Die City ist übersichtlich, mit einem Dutzend Mini-Wolkenkratzern, an vielen leuchten Namen von Bergbau-Multis. Sie schürfen sich reich im Outback, lassen die Hauptstadt prosperieren. Keine Spur mehr von „Dullsville“ (Kaff), als das Perth 2000 von „Lonely Planet“ abgestempelt wurde. Sonnendurchflutet, luftig und staufrei die schnurgeraden Straßen, mit hustenbonbonfrischer Brise aus Eukalyptusbäumen. Vor Schaufenstern und Büroeingängen flirten und flanieren Jung-Banker und Shopping-Queens entspannt im Casual- und Coffee-to-go-Modus. „Ich habe in Sydney und Brisbane gelebt“, sagt Alex Johnson, die strahlende Stadtführerin, „aber diese Leichtigkeit hat nur Perth!“ Manchmal auch im Umgang mit Geld: Eine Million Dollar zahlte sie für „The Big Cactus“, eine 2011 aufgestellte, 6,5 Meter hohe, grüne Alu-Skulptur – heute unverwechselbarer Treffpunkt am Forest Place, auf dem immer was los ist: Markt, Musik oder Rollstuhl-Basketball-Turnier. Alex zeigt, warum Perth unter den Down Under-Städten die „Australian Open“ ist – die, die sich geöffnet hat, nach allen Seiten: Zunächst nach Northbridge, dem früheren Arbeiter-Stadtteil – Spitzname „Knifebridge“, wegen Messerstechereien im Nachtclub-Milieu. „City und Northbridge waren durch Gleise zerschnitten, also haben wir sie samt Bahnhof unter die Erde gelegt und die Stadtteile oben drüber verbunden – durch den neu geschaffenen Yagan Square mit Cafés, Lokalen und Uni-Campus. Die William-Street, nun wieder Perths durchgängige Achse, ist in Northbridge gesäumt von geduckten, jahrzehntelang mit Farbschichten überrenovierten Ladenzeilen. Oben dran Baujahre wie Stempelabdrücke – die meisten um 1900. Unten drin: Backpacker-Reisebüros, Boutiquen, vegane Restaurants und viele Pubs. Eine Tageslosung für den Club „The Standard“ etwa – zur „Knifebridge“-Zeit eine illegale Spielhölle. Oder „Sneaky Tony’s“: Wer rein will, muss an der Tür die Tageslosung sagen, die der Club im Internet veröffentlicht. Wie bei illegalen Speak Easys zu US-Prohibitionszeiten in den 1920ern – nur digital. Abends pumpen im Viertel die Bässe, Pistengängerinnen feiern kreischend in den Straßen. Northbridge ist Perths Partyzone – und am nächsten Morgen wieder clean, dank Frühaufsteher-Stadtreinigung. Geöffnet hat sich Perth auch auf der anderen City-Seite, zum Swan River – mit dem Elisabeth Quay, einer 2,6 Milliarden Dollar teuren Marina samt Luxushotel, Apartment-Türmen und Piers. Wer von hier an Hochhäusern raufschaut, erkennt Perths dritte offene Seite: Rooftop-Bars – auf Dächern von Hoteltürmen, aber auch dem ehemaligen Zeitungshaus „Print Hall“. Über dem Tresen von „Bob’s Bar“ glüht die Leuchtschrift: „Jeder Boss, der heute einen blaumachenden Arbeiter feuert, ist ein Idiot.“ Hhm, so locker, die Arbeitsmoral in Perth? „No“, sagt Nick, der Barmann, und gibt Nachhilfe: „Den Spruch hat unser Ex-Premier Bob Hawke total begeistert im TV rausgehauen, als wir 1983 vor Perth die US-Segler sensationell im America’s Cup schlugen. Darum widmen wir Good Old Bob dieses Rooftop“, sagt Nick und schickt seine Gäste aufs nächste – das vom Parkhaus an der Roe Street. Statt seines Autos parkt man sich selbst rückwärts ein in Liegestühle und Sitzsäcke, dabei Pizza und Popcorn balancierend. Eingerahmt von Perths Skyline in der Blue Hour. Großes Kino. Ebenso wie der Kings Park. Größer als New Yorks Central Park, zu zwei Dritteln Gestrüpp-Dschungel mit Skywalk und Kraxelturm, auf seinem Filetstück hingegen gepflegter britischer Park mit Krieger-Denkmal, thront er über der Stadt und dem Swan River. Schnell ein Selfie vor Perths Skyline, dann den Park erkunden auf Spuren der Aboriginal People mit Guide Steven Jacobs („I’m a Whadjuk Man“): „Bevor die Briten unser Land eroberten, durften nur Frauen in diese Gegend – der heutige Kings Park war Geburtsstätte für unsere Kinder“, erklärt er. Und zeigt beim Rundgang ein einzigartiges Flora-Archiv Australiens mit Pflanzen aus allen Regionen: Boronia etwa, von Aboriginals einst als Parfüm benutzt. Oder zwanzig verschiedene Banksia-Sorten, in deren Blüten die Ureinwohner Feuer von Camp zu Camp transportierten. Und Spinifex, dessen Samen, im Feuer geröstet, zu Super-Klebstoff wird. Das Glamourgirl, der Ehrgeizler Und wo steht Perth in der Down-Under-Familie? „Sydney ist die Älteste, das Glamourgirl, immer showy, vorlaut, drängt mit Postkarten-Ikonen wie der Oper stets ins Scheinwerferlicht“, sagt Kristie Dempster, eine der gefragtesten Stadtplanerinnen Perths. „Melbourne? Der mittlere Bruder. Kann die große Schwester nie erreichen, versucht’s ehrgeizig mit Tennis-Grand-Slam und Formel 1.“ Perth sei das dritte Kind. Lange blasses Mädchen, unbeholfen, unbeachtet. Seit etwa zehn Jahren aber emanzipiere sich die Stadt, mache ihr eigenes Ding, sagt Dempster: „Perth ist plötzlich der coole Teenie mit den ripped Jeans, der Tattoos trägt, abgefahrene Kunstprojekte macht und in schräge Clubs geht.“
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