KURIER
Von Peter Thiel, dem Tech-Milliardär, Königsmacher von Donald Trump und JD Vance sowie Entwickler und Eigentümer von Palantir, einem Überwachungssystem, das u. a. von der israelischen Armee und ICE eingesetzt wird, hört man in der österreichischen Öffentlichkeit normalerweise deutlich weniger, als seiner wirtschaftlichen und realpolitischen Bedeutung angemessen wäre. Das hat sich geändert, seit ein geplanter Auftritt von Thiel bei den Festwochen bekannt wurde. Offensichtlich bedarf es der Einladung durch ein Wiener Festival, damit ein Mann mit weltpolitischem Einfluss hier öffentliche Aufmerksamkeit erlangt. Oder das bisherige Desinteresse liegt daran, dass sich die meisten, die jetzt mitdiskutieren, über die Einschätzung von Thiel einig sind, nicht nur über seine Machtposition, sondern auch darüber, dass Thiel in seinen Ansichten – sehr vorsichtig formuliert – faschistoiden Vorstellungen nahesteht: Er lehnt den säkularen Staat ebenso ab wie die Gleichberechtigung von Frauen und vertritt eine Form des Utilitarismus, die bereit ist, die derzeit lebende Menschheit dem – angeblichen – Wohl künftiger Generationen zu opfern. Noch nicht einmal dem Wettbewerbsprinzip des Marktes kann er etwas abgewinnen, das er zugunsten von Monopolen, die auf Innovationen beruhen, abschaffen will. Für und wider Nicht um die Einschätzung von Thiel geht es also, sondern um die Schlussfolgerungen, die man aus dieser Einschätzung ziehen sollte: Die Befürworter:innen der Veranstaltung, allen voran Milo Rau, sehen eine solche Diskussion als demokratiepolitisch relevant an. Die Gegner:innen, zu denen ich gehöre, meinen, dass man Faschist:innen keine Bühne bieten soll. Auch denke ich nicht, dass eine Entzauberung der Ansichten von Thiel zu seiner Entmachtung beitragen kann. Seine Macht beruht nicht auf Philosophie, sondern auf den Milliarden, mit denen er Politik steuern kann. Für andere, unter ihnen Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler , spielt eine wichtige Rolle, dass diese Debatte den künstlerischen Produktionen Aufmerksamkeit entzieht. Dem ließe sich wieder entgegnen, dass von der sehr großen Aufmerksamkeit für die Festwochen alle Beteiligten profitieren. Die Relevanz dieses Konflikts geht über den konkreten Fall hinaus, werden doch immer mehr Auseinandersetzungen dadurch geführt – oder auch vermieden – dass man Canceling fordert und/oder eigenen Boykott androht. Nicht zufällig haben die Festwochen letztes Jahr einen Ablaufplan für solche Fälle entwickelt, an dem ich mitarbeitete. Daher sagte ich auch gerne zu, an einer „Debatte über die Debatte mit Thiel“ teilzunehmen. Wobei ich das Team der Festwochen darauf hinwies, dass ich mich – im Unterschied zu allen anderen Podiumsgästen – gegen diese Einladung von Thiel aussprechen würde. Die Einladung wurde daraufhin nicht zurückgezogen, sondern bestärkt, da eine solche Position willkommen war. Ich erwartete eine harte Auseinandersetzung, doch es kam anders: Bei der sehr gut besuchten Diskussion befürwortete die deutlich überwiegende Mehrheit die Veranstaltung. Daher plädierten wir in einer Sitzung des Beratungsgremiums am nächsten Morgen gegen eine Absage, falls die Durchführung der Veranstaltung nicht zu einer Gefährdung des gesamten Festivals führen würde. Und hörten dann wenige Stunden später, dass genau dies aufgrund zahlreicher Boykottdrohungen beteiligter Künstler:innen eingetreten war. Schaler Nachgeschmack Dieser Ausgang, der ja grundsätzlich meiner Position entspricht, hinterlässt bei mir trotzdem einen schalen Nachgeschmack. Ich denke nicht, dass man allen politischen Richtungen eine Bühne bieten sollte, und bei Thiel war für mich eine rote Linie überschritten. Ich denke aber andererseits, dass man im Zweifelsfall reden und streiten sollte. Dass das Diskussionsangebot der Festwochen von denjenigen nicht angenommen wurde, die danach mit Boykott drohten, enttäuscht mich ebenso wie die Undifferenziertheit eines Teils der Kritik – wie etwa des Staatsoperndirektors Bogdan Roščić im KURIER-Gastkommentar – der Milo Rau vorwirft, keinerlei politische Ziele zu haben, sondern nur nach Aufmerksamkeit zu heischen. Das lässt sich anhand vieler Veranstaltungen der Festwochen seit 2024 widerlegen, z. B. anhand des Glaubenstribunals Ende Mai. Zur Autorin: Monika Mokre, Politikwissenschaftlerin und Mitglied des „Rats der Republik“ im Rahmen der Wiener Festwochen.
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