WOZ
Um zu verhindern, dass die altägyptischen Felsentempel von Abu Simbel im Nil versinken, trug man sie beim Bau des Assuan-Staudamms in den 1960er Jahren Stein für Stein ab und baute sie 180 Meter landeinwärts und 64 Meter höher wieder auf. Es war der Startschuss für das Unesco-Welterbe – ein Verzeichnis einzigartiger Kulturstätten und Naturgebilde von Weltrang, die es zu schützen und zu erhalten gilt. Die Inkastadt Machu Picchu in Peru gehört dazu, die Tempelanlagen von Angkor Wat in Kambodscha oder der Tadsch Mahal in Indien. Und bald vielleicht schon … die Zürcher Langstrasse? Was wie eine Schnapsidee klingt, ist bierernst gemeint und entspringt einem legendären Langstrassen-Lokus, der Olé-Olé-Bar, oder, genauer, ihrer umtriebigen Mitbetreiberin Elena Nierlich und zugewandten «Stadtpersönlichkeiten» («Tagi») wie Martin Suter. Bis im Herbst wollen sie dem Stadtrat eine Petition mit 3000 Unterschriften überreichen, auf dass er bei der Unesco offiziell Antrag stelle. Das «Authentische» bewahren will Suter; Nierlich führt Historisches ins Feld: die Piazza Cella etwa, seit 2009 der italienischen Immigrationsgemeinschaft gewidmet, oder den Helvetiaplatz, auf dem die Jugend bereits in den Achtzigern für Freiräume gekämpft habe. Dass die Langstrasse mehr ist als «Dreck, Drinks und Amüsement» (SRF-Doku), als Rotlichtmilieu und «Blaulichtviertel» (Dino Brandão in «E Nacht a de Langstrass»): logo! Dass sie als Schauplatz historischer Auseinandersetzungen («Italienerkrawall», 1896; Herman Greulichs sozialistische Brandreden vom Balkon des Volkshauses), der Unterschichten und Randständigen (von «Bäckerei Zürrer», 1957, bis «Strähl», 2004) stets auch Heimat war, in die Annalen eingehen soll: ein ehrenwertes Anliegen. Und ja, auch die Gentrifizierung macht vor der Langstrasse nicht halt. Aber die wehrt man nicht ab, indem man einen Strassenzug quasi unter Denkmalschutz stellt wie ganz Venedig (das im Übrigen darum kämpft, von der Unesco-Liste gestrichen zu werden). Sondern indem man sich dafür einsetzt, dass er lebendig bleibt. ● Vorschlag zur Güte: Petition für ein urbanes Ballenberg – oder doch besser einen «Chreis Cheib» in der Swissminiatur?
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