KURIER
Er ist einer der liebenswürdigsten und nahbarsten Regisseure Frankreichs und so sehen auch seine Filme aus: Jean-Pierre Améris ist bekannt für seine feinfühligen Dramen und vor allem für seine Komödien, in denen es so richtig menschelt. Ob er nun einen griesgrämigen Richter und eine Kellnerin zueinander finden lässt („Wie das Leben manchmal spielt“), zwei schüchterne Außenseiter in einer Schokoladenfabrik anbandeln („Die anonymen Romantiker“) oder eine Bäuerin eine schräge Revue mit ihren Tieren machen lässt, um ihren Hof zu retten („Die verrückte Farm“), der 65-jährige Franzose verbreitet stets Wohlgefühl. „Ich mag Komödien, denn sie öffnen die Herzen“, erklärt Améris mit warmer Stimme seinen Hang zu Feelgood-Filmen, „Wenn man über etwas lachen kann und sei es noch so ein ernstes Thema, dann wird dieses bekömmlich. Die Themen, die in Komödien aufgegriffen werden, sind ja oft traurig. Aber ein Drama, über das man lacht, ist kein Drama mehr. Lachen hilft uns, entspannt und tröstet uns. Ich liebe die großen Komödienmeister wie Billy Wilder oder Blake Edwards. Ihre leichtfüßige Art zu inszenieren, die Setdeko, die sie verwendeten und die Art, wie sie ihre Akteure anleiteten. Sie sind das beste Beispiel dafür, dass man über Dinge, die eigentlich nicht zum Lachen sind, lachen kann.“ Nach dem Schlaganfall Auch mit seinem neuen Film „Ticket ins Leben“ (derzeit im Kino) sorgt Améris wieder für gute Unterhaltung. Er konfrontiert einen gefeierten Chansonnier, der nach einem Schlaganfall nicht mehr auf der Bühne auftreten kann und somit keinen Sinn mehr in seinem Leben sieht, bei einer Zugfahrt mit einer dauerquasselnden Frau, die sich als ziemlich hartnäckiger Fan entpuppt. Wie eine Klette heftet sie sich nach der Ankunft in Genf an Antoines Fersen und bringt ihn rasch von seinem Vorhaben ab, seinem Leben in der Schweiz ein Ende zu setzen. Gérard Darmon und Valérie Lemercier spielen dieses ungleiche Paar und sind umwerfend in ihrer präzisen Komödiantik und der Harmonie, die sie ausstrahlen. „Es ist immer das Gleiche: Ich muss zu meinen Schauspielern Zuneigung spüren, denn ich bin ja viel mit ihnen zusammen und will gerne mit ihnen arbeiten. Und der zweite wichtige Punkt: Die Chemie zwischen ihnen muss stimmen. Deshalb sorge ich dafür, dass sich alle immer vor dem Beginn der Dreharbeiten kennenlernen und näher kommen. Bei Lesungen und Proben sehe ich mir an, wie sie zusammen passen.“ Bei Gérard Darmon und Valérie Lemercier habe alles gepasst, sie seien seine Wunschkandidaten für „Aimons-nous vivants“ - so der Originaltitel des Films, inspiriert von einem Chanson von François Valéry - gewesen. Beide waren gleich begeistert vom Film. „Sie hatten schon einmal miteinander gedreht und sind danach Freunde geblieben. Als sie hörten, dass ich sie beide wieder haben will, haben sie sofort zugesagt. Ich habe ihnen Freitag Mittag mein Script geschickt und am Abend haben sie Ja gesagt“. "Ticket ins Leben": Wie Dean Martin Ein großer Vorteil sei natürlich, dass Gérard Darmon auch singen kann. Der 78-Jährige ist neben seiner Schauspieltätigkeit ein bekannter Chansonnier, der drei Alben herausgebracht hat. „Er meinte, natürlich singe ich für dich, kein Problem“, so Améris, der Darmon auch wegen seiner Lässigkeit und Selbstironie schätzt. „Er hat Croonerqualitäten, so wie Dean Martin“. Auch Valérie Lemercier habe sich in der Rolle der exaltierten Victoire auf Anhieb gefunden. „Valérie ist eine Komödiantin durch und durch und übrigens auch eine hervorragende Regisseurin. Sie sah ihre Mutter in der Rolle, die auch so überdreht und chaotisch gewesen sei und auch so viel geredet habe. Valérie sagte zu mir, weisst du, ich bin eigentlich Komödiantin geworden, damit meine Mutter etwas zu lachen hat. Denn wer die Leute zum Lachen bringt, wird gemocht.“ Améris zeigt in seinen Filmen stets Wertschätzung für Menschen, denen das Leben Blessuren zugefügt hat, die ein Handikap haben und trotzdem ihre Lebensfreude nicht eingebüßt haben. „Ja, Lebensfreude ist ein ganz wichtiges Wort für mich. Ich finde es so berührend, dass Antoine, dieser alte Mann in ,Ticket ins Leben’, beschließt zu sterben, weil er seiner Passion, dem Singen vor großem Publikum, nicht mehr nachgehen kann. Doch dann - paff! - beschert ihm seine geplante Reise in den Tod seine Wiedergeburt. Sie bringt ihm seinen Lebenswillen zurück“. Er könne diese Angst, seiner Leidenschaft, der Passion seines Lebens nicht mehr nachgehen zu können, nachvollziehen. „Wenn ich morgen meinen Beruf nicht mehr ausüben könnte, nicht mehr das tun könnte, was ich am liebsten tue, nämlich Filme machen, dann würde ich mir auch die Sinnfrage stellen. Aber ich würde wohl nicht in die Schweiz reisen, um zu sterben. Prinzipiell bin ich ja ein positiver Mensch, der so naiv ist zu glauben, dass es immer weiter geht. Künstler leben halt für ihren Beruf und ihre Leidenschaft.“ Bei der abschließenden Frage nach seinem nächsten Filmprojekt muss Améris lachen. „Sehen Sie, genau das, genau so eine Frage, macht mir Angst. Ich habe noch kein nächstes Filmprojekt und drehe jetzt fürs Fernsehen.“ Aber wie gesagt, das Glas ist immer halbvoll.
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