KURIER
Von Nicola Afchar-Negad Die Dimensionen sind klar: Weltweit leben über eine Milliarde Menschen mit Adipositas oder Typ-2-Diabetes . Nichtübertragbare Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes oder chronische Atem- und Nierenerkrankungen sind für rund drei Viertel aller Todesfälle verantwortlich. In Österreich ist etwa jede fünfte Person von Adipositas betroffen – gleichzeitig wird die Verantwortung oft allein beim Individuum verortet: mehr Sport, mehr Disziplin, weniger Ausreden. Oder es sind die Gene. Doch was, wenn beides zu kurz greift? April, MedUni Wien: Univ.-Prof. DDr. Thomas Scherer , Leiter der Ambulanz für Angeborene Stoffwechselerkrankungen im Erwachsenenalter, hält seine Antrittsvorlesung – „Alles Kopfsache? Wie Gehirn und Nervensystem den Stoffwechsel steuern“. Die zentrale Erkenntnis, die sich jeder bewusst machen sollte: „Wir sind alle in gewisser Weise hormongesteuert. Unser Gehirn ist über das autonome Nervensystem mit nahezu allen Organen unseres Körpers verbunden und kann mit ihnen kommunizieren.“ Der Stoffwechsel ist deutlich weniger mechanisch als früher gedacht, wird stark vom Kopf beeinflusst, konkret: dem Hypothalamus, ein Teil des Zwischenhirns. Er ist nicht nur Mess-Station, sondern auch Steuerzentrum – abhängig von Hormonen. Scherer, der mit Juli 2025 eine Professur im Fachbereich Endokrinologie und Stoffwechsel übernommen hat, führt weiter aus: „Neben Nährstoffen wie Glukose und Fettsäuren gelangen auch Hormone wie Leptin und Insulin ins Gehirn und binden dort an Rezeptoren im Hypothalamus und anderen Regionen. Dort werden diese Signale zentral verarbeitet und steuern sowohl Appetit und Nahrungsaufnahme als auch den Zucker- und Fettstoffwechsel in Leber und Fettgewebe.“ Scheinessen und Völlerei Erstaunlich: wie früh dieses System reagiert! „Unsere Forschungsgruppe konnte zeigen, dass bereits sogenanntes Scheinessen den Vagusnerv aktiviert und dadurch die Leber über ein vom Gehirn vermitteltes Signal entfettet wird“, sagt der stellvertretende Leiter der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel. Der Körper stellt sich also auf Nahrung ein, die noch gar nicht da ist. Gleichzeitig ist dieses fein austarierte System empfindlich. „Schon nach kurzer Zeit hochkalorischer Ernährung kommt es zu Veränderungen in der Insulinsignalweitergabe im Gehirn“, erläutert der Experte. Entscheidend dabei: Das passiert, noch bevor Unterschiede im Insulinsignal in peripheren Organen wie Leber, Fettgewebe oder Muskel nachweisbar werden.“ Die Folge: „Es kommt zu einer Fehlsteuerung des Fettabbaus und dadurch zu einer Verschiebung von Lipiden aus dem Fettgewebe in die Leber, was eine Fettlebererkrankung und eine Insulinresistenz begünstigt.“ Und was hilft? Altbekanntes, aber dennoch Essenzielles: „Stress minimieren, genügend Schlaf, eine gesunde ausgewogene Ernährung und: das Gewicht im Normalbereich halten – all das optimiert die Insulinwirkung.“ Eine aktuelle Studie, die im Fachmagazin „The Lancet“ veröffentlicht wurde, liefert Motivation: Stark übergewichtige Menschen haben ein um 70 Prozent höheres Risiko, aufgrund einer Infektion im Krankenhaus eingeliefert zu werden – oder eben daran zu sterben. Neue Therapieansätze Dass das Gehirn eine zentrale Rolle bei diesem Prozess spielt, verändert zunehmend auch die Behandlung von Stoffwechselerkrankungen. „Vor allem der Vormarsch der incretinbasierten Therapien (Anm.: Medikamente, die Darmhormone nachahmen und so die Insulinausschüttung sowie die Blutzuckerkontrolle verbessern) erfährt das Gehirn als ein wichtiges Zielorgan eine Renaissance“, kommt Scherer auf ein Schlagzeilen-Thema der letzten Zeit zu sprechen. Die Rede ist von Medikamenten, die gezielt in hormonelle oder neuronale Steuerkreise eingreifen – die so genannten Abnehmspritzen wie Ozempic. Die Mittel verändern Appetit, Essverhalten und sogar Geschmacksempfinden. Ganze Branchen reagieren darauf, es gibt angepasste Speisekarten, und Portionsgrößen werden mitunter verkleinert. Parallel dazu kommt Bewegung in den politischen Diskurs. In Deutschland gewinnt die Einführung einer Zuckersteuer auf Softdrinks politisch an Aufmerksamkeit – eine konkrete Umsetzung ist jedoch noch nicht beschlossen. Was sich hier abzeichnet, ist tatsächlich ein Paradigmenwechsel. Von der reinen Willensfrage, hin zu einem besseren Verständnis der biologischen Mechanismen. Und woran arbeitet Scherer aktuell? Darf man auf neue Medikamente hoffen? „Es bräuchte eine gezielte Gabe von Hormonen im Gehirn – beispielsweise kann Insulin durch Gabe mittels experimenteller Nasensprays über den Riechnerv direkt ins zentrale Nervensystem transportiert werden. Zu diesem intranasalen Insulin laufen bereits klinische Studien.“ Und: „Wir wollen jene Mechanismen besser verstehen, warum es nach Beendigung einer Diät beziehungsweise nach Absetzen von Abnehmspritzen, zu einer erneuten Gewichtszunahme kommt“, so Scherer abschließend. Die Antwort darauf könnte vieles verändern und nicht nur Kilos, sondern auch Statistiken, zum Purzeln bringen.
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