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"Sie haben, was den USA fehlt": Wie die Ukraine zur Drohnenmacht wurde

Von Timo Buchhaus und Johannes Arends Die russische Armee begann ihre jährliche Frühjahrsoffensive diesmal am 17. März – und dürfte dabei in kürzester Zeit eine Rekordzahl an Soldaten in den Tod geschickt haben. Laut ukrainischen Angaben fielen bei hunderten Angriffen entlang der Frontlinie auf den sogenannten ukrainischen „Festungsgürtel“ innerhalb einer Woche mehr als 8.700 Russen . Das deckt sich mit Schätzungen des US-Thinktanks „Institute for the Study of War“ : Demnach waren zwei Tage der vergangenen Woche die verlustreichsten überhaupt für Russland seit Kriegsbeginn . Auf ukrainischer Seite blieben die Todeszahlen überschaubar. Vier Millionen Drohnen jährlich Grund dafür ist eine Fähigkeit, die die Ukraine in den vergangenen vier Jahren systematisch perfektioniert hat: den massenhaften, koordinierten Einsatz von Drohnen . Der jahrelange Abwehrkampf hat die ukrainischen Streitkräfte zu Drohnen-Spezialisten werden lassen, die heute eigene Modelle entwickeln. Sie erlauben es, russische Truppen aufzuklären, anzugreifen und selbst Ziele weit hinter der Frontlinie zu zerstören – und das, ohne das Leben der eigenen Soldaten zu riskieren. Dabei wurde die ukrainische Drohnenindustrie einst aus der Not heraus geboren. Als die Artilleriemunition knapp wurde und Waffenhilfe aus dem Westen nur zögerlich eintraf, waren es zunächst modifizierte Hobby-Drohnen – wie man sie auf Amazon bestellen konnte – die der ukrainischen Armee zu ihren Abwehrerfolgen verhalfen. Heute produziert die Ukraine rund vier Millionen Drohnen pro Jahr. Dazu hat vor allem die dezentralisierte Waffenindustrie der Ukraine beigetragen, die von privaten Herstellern, Freiwilligen-Organisationen und Staatskonzernen gleichermaßen getragen wird. Durch rasches Feedback von der Front können Modelle rasch optimiert werden. Entwicklungsprozesse, die sonst Jahre dauern, werden so auf Wochen komprimiert. "Sie haben eine Fähigkeit, die den Amerikanern fehlt" Die neuesten Geräte im ukrainischen Arsenal sind sogar in der Lage, russische Kamikaze-Drohnen vom Typ Shahed abzufangen – jenem Modell, das auch der Iran aktuell bei seinen großflächigen Angriffen gegen die Golfstaaten einsetzt. „Für die Ukraine ist das jetzt eine Chance“, erklärt Bundesheer-Oberst Markus Reisner im KURIER-Gespräch. „Sie haben eine Fähigkeit, die den Amerikanern fehlt.“ Westliche Luftverteidigungswaffen sind schließlich teuer, eine einzige Luftabwehrrakete vom Typ Patriot kostet bis zu vier Millionen Dollar. Patriot-Systeme sind für den Einsatz gegen ballistische Raketen konzipiert. Sie gegen Massenangriffe mit billigen Shaheds einzusetzen – deren Stückpreis zwischen 30.000 und 50.000 Dollar liegt – ist wenig effizient. „Das ist, wie mit einer Kanone auf Spatzen zu schießen“, so Reisner. Die Abfangdrohnen könnten dagegen die Luftverteidigung entlasten. Auf den Ausbruch des Iran-Krieges reagierte die Ukraine daher schnell und entsandte rund 200 Drohnenspezialisten in die Golfregion. Laut Präsident Wolodimir Selenskij habe selbst Washington bereits Hilfe erbeten, US-Präsident Donald Trump dementierte. Das ukrainische Know-how, so Reisner, sei im Nahen Osten direkt umsetzbar, zumal der Iran von Russland gelernt habe: „Die Golfstaaten kämpfen im Prinzip gegen dieselbe Taktik, die die Russen auch in der Ukraine anwenden.“ Tauscht die Ukraine Abfangdrohnen gegen Patriots? Umgekehrt ist die Ukraine auf westliche Patriot-Systeme angewiesen – nur sie können Russlands ballistische Raketen und Marschflugkörper abfangen, gegen die Abfangdrohnen wirkungslos sind. Genau diese Patriots werden im Nahen Osten gerade im großen Stil verbraucht: Allein in den ersten drei Tagen des Iran-Krieges verschossen die USA und ihre Verbündeten bis zu 800 Stück – bei einer jährlichen globalen Produktionsrate von 650. Die ukrainische Führung befürchtet daher, bei zukünftigen Lieferungen zu kurz zu kommen. „Die große Hoffnung der Ukraine ist ein Tauschgeschäft“, so Reisner: „Ukrainische Abfangdrohnen gegen US-amerikanische Luftabwehrraketen.“ Ob die Rechnung aufgeht, hängt vom weiteren Verlauf beider Kriege ab. Auch Europa würde von einer Zusammenarbeit mit der Ukraine profitieren, sagt Reisner, die Kooperation sollte gestärkt werden: „Wir müssen die neue Art der Kriegsführung anerkennen und von den Ukrainern lernen.“

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