
Im Affekt: Die Notenbank spielt Demokratie
Haben Sie schon abgestimmt? Und welches Sujet gefällt Ihnen am besten? Sie habens sicher gelesen: Immer öfter setzt sich der Bundesrat über demokratische Prozesse hinweg, indem er Geschäfte auf dem Verordnungsweg abwickelt (siehe WOZ Nr. 34/25 ). Die Demokratie wird ausgehebelt, damit man sie per Ersatzhandlung dann dort simulieren kann, wo es nicht wirklich darauf ankommt. Zum Beispiel eben bei den Entwürfen für neue Schweizer Banknoten: Die Bevölkerung darf bis am 7. September via Meinungsumfrage ihre Vorlieben deponieren. Bei der Fachpresse für ästhetische Fragen waren die Meinungen schnell gemacht. Der Mann von der «Weltwoche» sah in den Entwürfen «zwölf Wege in die Niederungen übelster Anfängergrafik» und beklagte bereits die «Entwertung aller Werte». Für Markus Somm vom «Nebelspalter» ist die Sache vor allem ein ideologisches Desaster: Er vermisst bei den neuen Noten jeden Nationalstolz; auch Menschen will er auf den Entwürfen nirgends gesehen haben. (Schwinger und Bergsteiger zählen für ihn offenbar nicht zu den Menschen, Frauen selbstredend auch nicht – oder er braucht dringend einen Termin beim Optiker.) Natürlich sind Banknoten auch Ideologiepapiere: geistige Landesverteidigung fürs Portemonnaie. Aber die beiden Herren verfehlen den Kern der Sache: dass dieses ganze Mitbestimmungstheater nur verschleiert, wie bedeutungslos unser Papiergeld in Zeiten digitaler Kapitalströme längst geworden ist. Mal abgesehen von der Tausendernote – ideal für Korruption und Steuertricks – braucht heute nur noch Cash, wer eigentlich kein Geld hat. Für wirklich grosse Geschäfte brauchts nicht mal mehr Papier, um eine Quittung zu drucken. Daher ist auch irrelevant, was auf den neuen Noten abgebildet ist. Die Demokratiesimulation dieser Umfrage spiegelt die Politik unserer Zeit: Grossbanken werden am Volk vorbei gerettet, aber wenn es um die Gestaltung von Papiergeld geht, dürfen auch Secondas ohne Schweizer Pass ihre Stimme abgeben. Statt bei dieser Simulation mitzuspielen: Gehen Sie besser ins Kino und sehen sich den Dokfilm «Unser Geld» an.